Erkenntnisse aus den Geschlechtertheorien zeigen, dass Geschlecht das Resultat eines Zusammenspiels spezifischer Praktiken, kultureller Normen und gesellschaftlicher Institutionen unter historisch gewachsenen Machtverhältnissen ist (exemplarisch Butler 1991). Zu bestimmten historischen Zeitpunkten und gesellschaftlichen Gegebenheiten existierten folglich unterschiedliche Vorstellungen von Geschlechterkategorien bzw. Geschlechterverhältnissen. Andrea Maihofer entwickelt eine Definition von Geschlecht als «historisch-bestimmte, gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise» und schlägt vor, sowohl das Imaginäre, Subjektive, Identitäre und die Körperlichkeit als gesellschaftlich-kulturell produzierte, historisch bestimmte Selbstverständnisse zu reflektieren als auch die Realität dieser Existenzweise als gelebte Denk-, Gefühls- und Körperpraxen zu verstehen (1995).
Die bürgerliche Aufklärung festigte im Europa des 18. Jahrhundert eine duale Geschlechterordnung («Frau» – «Mann») und ein daraus abgeleitetes gegengeschlechtliches Begehren. Diese konstruierte Norm beinhaltet stets auch die Abwertung all derjenigen Menschen und Körper, die sich dieser symbolischen Ordnung nicht unterwerfen – auch unter Anwendung von Gewalt (Homo- oder Transphobie, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung sowie physischer und psychischer Gewalt an nicht der Norm entsprechenden Körpern).
Der Begriff queer bezeichnete in der englischen Sprache ursprünglich Dinge, Handlungen oder Personen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen und wurde lange Zeit in den USA als homophobes Schimpfwort für Menschen verwendet, die nicht nach der heterosexuellen Norm lebten. Übersetzbar ist er mit «schräg», «sonderbar» und vielleicht am treffendsten mit «pervers», da dieses Wort den kontroversen Gehalt und das mitschwingende beleidigende Potential ebenfalls transportiert (Ortmann 2009). In den 1980er und 1990er Jahren unterzogen Aktivist_innen der Act-Up-(Abkürzung für AIDS Coalition to Unleash Power)-Bewegung das Wort im öffentlichen Diskurs einer Neubewertung und besetzten es politisch positiv. Der Begriff fungierte als Gegenentwurf zur Identitätspolitik von Schwulen und Lesben. Schon bald aber wurde er auch anders gebraucht – als Sammelbegriff für ein politisches Bündnis sexueller Randgruppen und zur Bezeichnung eines neuen theoretischen Konzepts, das sich aus den bereits etablierten Lesbischen und Schwulen Studien entwickelt hat (Jagose 2001). In Europa tauchte das Konzept Anfang der 1990er Jahre auf. Die Etablierung des Begriffes verlief mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen in zum Teil getrennten Szenen: Als akademischer Begriff in den Gender Studies und innerhalb einer sich politisch, aktivistisch und künstlerisch äussernden Subkultur. Sowohl im europäischen als auch im amerikanischen Kontext gibt es das Bemühen von Aktivist_innen, ihn politisch radikal zu definieren – also über eine Adaption als Synonym für «schwul-lesbisch-bisexuell» hinaus – und weiterhin mit Feminismus, Antirassismus, der Kritik der kapitalistischen Klassengesellschaft, des Ableismus, den Kämpfen von Sexarbeiter_innen und anderen politischen Bewegungen verbunden zu halten (Ortmann 2009).
Auch wenn eine Undefinierbarkeit und Unbestimmtheit die Queer Theorie prägt, wendet sich ihre Kritik in erster Linie gegen Heteronormativität: Sie stellt theoretisch und praktisch heterosexuelle Normen und das Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit infrage, sowohl auf der Ebene von sex, als auch von gender. Es findet eine Sichtbarmachung verschiedenster Existenzweisen von Geschlechtern jenseits des binären «Frau» – «Mann»-Schemas statt, «darunter Trans-* und Intersexualität, Butch und Femme, Travestie und Drag oder von der Reproduktion entkoppelte, als ‹abweichend› und pervers bezeichnete Sexualpraktiken, besonders BDSM, Promiskuität und Sexarbeit» (Ortmann 2009).
Literatur
- Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1991.
- Degele, Nina, Gender/Queer Studies. Eine Einführung, Paderborn: Wilhelm Fink 2008.
- Jagose, Annamaria, Queer Theory. Eine Einführung, Berlin: Querverlag 2001.
- Maihofer, Andrea, Geschlecht als Existenzweise, Frankfurt a.M.: Helmer 1995.
- Ortmann, Sandra, Glossar «Queer», in Mörsch, Carmen (Hg.), Kunstvermittlung 2. Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12. Ergebnisse eines Forschungsprojekts, Zürich: diaphanes 2009, S. 369.
- West, Candace/Zimmerman, Don H., Doing Gender, in Gender and Society 1(2), 1987, S. 125–151.