Ziel der Arbeits- und Lesegruppe ist es, das eigene Interesse und die eigene Involvierung beim Promotionsprojekt zu reflektieren. Bei jedem Projekt stellt sich nebst inhaltlichen, methodischen und arbeitspraktischen Fragen immer auch die Frage: warum ist für mich, für meinen ganz individuellen Standpunkt, diese Thematik oder dieses Projekt so wichtig?
Sehr gerne würde ich mit Euch die Aufmerksamkeit und die Sensibilität für diese Fragestellung schärfen und zwar sowohl im Gespräch wie auch in der gemeinsamen Lektüre. Als einführende Lektüre würde sich etwa der kleine Text von Sigmund Freud anbieten über den »Moses des Michelangelo«. Darin beschreibt Freud, wie er jedes Jahr nach Rom reist und jedes Jahr diese Kirche besuchen muss, wo diese Michelangelostatue steht, wie er herausfinden muss, was es mit diesem Moses auf sich hat und dann eine Detailanalyse dieser Statue versucht - eine Analyse des Verhältnisses von Hand, Bart und Gesetzestafeln. Diese seine Lektüre wird ihm in der Folge von allen Kunsthistorikern um die Ohren gehauen, weil sie schlicht falsch ist, jedenfalls aus kunsthistorischer Perspektive. Freud hat aber zeit seines Lebens an seiner Analyse und an seinem leitenden Interesse an der Mosesstatue festgehalten, selbst noch in seinem letzten Buch über den »Mann Moses und die monotheistische Religion« von 1938. Neben Freud würden sich auch weitere Texte anbieten, etwa von Roland Barthes oder Jacques Derrida oder Stanley Cavell.