Eurozentrismus benennt das überaus mächtige Paradigma, das Europa ins Zentrum der «Weltgeschichte» und der teleologischen Meistererzählung von Zivilisation und Moderne stellt. Entscheidend für die eurozentristische Perspektive ist die imperiale Setzung von Europa als Subjekt und der aussereuropäischen kolonialisierten Welt als Objekt – eine fundamentale Differenz, die die Ordnung der Welt und der Repräsentation seit der Renaissance bestimmen sollte und, durchaus gewaltsam, weltweit durchgesetzt wurde. Komplementär zur kapitalistischen Expansion, die Kontinente und deren Bewohner_innen zur Ressource macht, wird dieser Herrschaftsdiskurs universal.
Als Pendant zum Eurozentrismus kann der von Edward Said analysierte Komplex des Orientalismus (und jede Form des Exotismus) gelesen werden, der in farbenprächtigen Bildern das Andere der zivilisierten «abendländischen» Welt imaginiert, das der Kolonialisierung und Missionierung harrt.
Die postkoloniale Kritik arbeitet dagegen an der Dezentrierung oder «Provinzialisierung» (Chakrabarty 200) Europas beziehungsweise des Westens oder Nordens: An einer nicht universalen, sondern translokalen Geschichtsschreibung, die den «entangled histories» (Randeria ), den globalen Interdependenzen und Interferenzen, Abhängigkeiten und Verflechtungen zwischen Nord und Süd gerecht wird und, darüber hinaus, an einer Alternative zur Epistemologie des Nordens überhaupt.
Literatur
- Chakrabarty, Dipesh, Provincialising Europe, New Jersey: Princeton University Press 2007.
- Conrad, Sebastian/Randeria, Shalini, Einleitung. Geteilte Geschichten – Europa in einer postkolonialen Welt, in: Dies. (Hrsg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt: Campus Verlag 2002, S. 17ff.