Die Ökonomisierung des Sozialen und insbesondere der Bildung steht im Mittelpunkt zahlreicher – auch erziehungswissenschaftlicher – Gegenwartsdiagnosen. Folgt man Michel Foucault, leben wir im Zeitalter neoliberaler «Gouvernementalität»: einer Art des Regierens, die weniger auf offenen Zwang setzt als auf indirekte Lenkung (Foucault 1977–1978)). Eine wichtige Rolle spielen dabei die sogenannten Technologien des Selbst. Diese Technologien legen den Einzelnen ein Verhältnis zu sich nahe, das die Durchsetzungsfähigkeit ökonomischer Regierungsformen erhöhen soll. Als «Unternehmer seiner selbst» der Dienstleistungsgesellschaft muss man sich stets um die optimale Nutzung (seines) Human Kapitals bemühen. Der Faktor Bildung spielt in diesen Prozessen eine entscheidende Rolle. Im Zusammenhang mit einer Deregulierung der Märkte und Delegitimierung sozial-staatlicher Sicherungssysteme wurde das Bildungssystem westeuropäischer Provenienz in den vergangenen zwanzig Jahren umgebaut. Wissen gilt als wertvolle Ressource, die es optimal zu nutzen gilt, um die Nationalökonomien wettbewerbs- und den Einzelnen beschäftigungsfähig zu halten. Zum Schlüsselkonzept avancierte in diesem Zusammenhang das lebenslange Lernen, durch das sich Individuen permanent den sich rasant verändernden technischen und sozialen Anforderungen anpassen. «Argumente der unmittelbaren Verwertbarkeit von Lerninhalten und im pädagogischen Setting erwerbbarer ‹Kompetenzen› für die erfolgreiche Gestaltung von Arbeitsbiografien verdrängen zunehmend einen Bildungsbegriff, der Bildung in einer demokratischen Gesellschaft als Grundrecht und als Wert an sich versteht.» (Mörsch 2005) In diesem Setting finden sich Künstler_innen, vielleicht zunächst überraschend, als Vorbilder der (nunmehr auch schon alten) New Economy wieder, die sich im «Creativity Hype» befindet (vgl. etwa das Dossier der Plattform Transversal zum «Creativity Hype» (zuletzt aufgerufen: 27.3.2017)).
«Vor allem die Funktion von Künstler_innen als perfekte Rollenmodelle für die Ökonomie der Dienstleistungsgesellschaft, in der jede_r einzelne dazu aufgefordert ist, sich als ‹Ich-AG› permanent neu zu erfinden und sich in einem Prozess des ‹lebenslangen Lernens› einer zunehmend beschleunigten Veränderung von technischen und sozialen Voraussetzungen möglichst reibungslos anzupassen, ist unter dem Stichwort des ‹kreativen Imperativs› ins Zentrum der Debatte geraten. Dabei wird auch die Frage gestellt, inwieweit die in den siebziger Jahren paradigmatisch verstandenen Fähigkeiten zur Kritik und zur selbstermächtigten ästhetischen Artikulation, die die Adressat_innen der Projekte durch künstlerische Betätigung möglicherweise erreichen können, nicht mehr als für demokratische Prozesse notwendige widerständige Momente zu werten seien, sondern als Voraussetzung für das perfekte Funktionieren in der neuen Ökonomie dazugehören. Es sind genau diese kritischen Perspektiven, die in der gegenwärtigen Aktualisierung des ‹Bildens mit Kunst› des öfteren zu kurz zu kommen scheinen.» (Ebd.)
Literatur
- Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2000.
- Foucault, Michel, Geschichte der Gouvernementalität. Bd. 1: Sicherheit, Territorium,
Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France 1977/1978, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2004. - Foucault, Michel, Geschichte der Gouvernementalität, Bd. 2: Die Geburt der Biopolitik.
Vorlesung am Collège de France 1978/1979, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2004. - Hofmann, Justin/von Osten, Marion (Hg.), Das Phantom sucht seinen Mörder. Ein Reader zur Kulturalisierung der Ökonomie, Berlin: b-books 1999.
- Lazzarato, Maurizio, Immaterielle Arbeit. Gesellschaftliche Tätigkeit unter den Bedingungen des Postfordismus, in: Lazzarato, Maurizio/Negri, Antonio Virno, Paolo (Hg.), Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin: ID Verlag 1998, S. 39–52.
- Lorey, Isabell, Gouvernementalität und Selbst-Prekarisierung. Zur Normalisierung von KulturproduzentInnen, transversal 2006 (http://eipcp.net/transversal/1106/lorey/de (zuletzt aufgerufen: 27.3.2017)).
- Mcrobbie, Angela, «‹Jeder ist kreativ›. Künstler als Pioniere der New Economy?», in: Huber, Jörg (Hg.), Singularitäten – Allianzen. Interventionen 11. Wien/New York:Springer 2002, S. 37–60.
- Mörsch, Carmen, Eine kurze Geschichte von KünstlerInnen in Schulen, in: Lüth, Nanna, Mörsch, Carmen (Hg.): Kinder machen Kunst mit Medien, München: kopaed 2005.
- Pühl, Katharina, Der Bericht der Hartz-Kommission und die‚ Unternehmerin ihrer selbst’: Geschlechterverhältnisse, Gouvernementalität und Neoliberalismus, in: Pieper, Marianne/Rodríguez, Encarnación Gutiérrez (Hg.), Gouvernementalität. Ein sozialwissenschaftliches Konzept im Anschluss an Foucault. Frankfurt a.M.: Campus 2003, S. 111–135.
- Raunig, Gerald/Wuggenig, Ulf (Hg.), Kritik der Kreativität. Wien: Turia + Kant 2007.
- Rothauer, Doris, Kreativität und Kapital. Kunst und Wirtschaft im Umbruch, Wien: Facultas 2005.
- Spillmann, Peter/von Osten, Marion, Be Creative! – Der kreative Imperativ. Zürich: Edition Museum für Gestaltung Zürich 2002.