«Die Debatte um »Künstlerische Forschung« hat einen hohen Grad an Differenzierung erreicht, sei es in ihrer allgemeinen, theorieorientierten Dimension, sei es auf der Ebene der Praxis des künstlerischen Forschens selbst. Alles deutet darauf hin, dass sich die Künstlerische Forschung an der Schwelle zu einer Institutionalisierung befindet.»
Was die Herausgeber:innen des Handbuchs Künstlerische Forschung – unter ihnen zahlreiche Kolleg:innen der ZHdK – bereits 2015 in ihrem Abstract zum Befund erklärten, lässt sich rückblickend als Frage lesen, ob diese Schwelle denn überschritten wurde. Unbenommen lassen sich ‘PhD in Practice’ Programme an Kunsthochschulen, Professuren für künstlerische Forschung, Stipendien und andere Auslobungen zur Würdigung künstlerisch forschender Projekte sowie eigene, dem künstlerischen Forschen angemessene Open Access Publikations- und Archivierungsformate als internationale Erfolgsgeschichte und Institutionalisierung des aufstrebenden Diskurses verzeichnen. Die verschiedenen Forschungsaktivitäten in den Departementen an der ZHdK waren und sind an dieser Entwicklung massgeblich beteiligt. Und dennoch bleibt eine Art konstitutiven Zweifelns, ob die vereinheitlichende Bezeichnung Artistic Research / Künstlerische Forschung überhaupt notwendig oder zumindest hilfreich ist, um die vielfältigen Formen des Forschens in den Künsten (mit, über, durch) zusammenzufassen. Das Selbstverständnis, auf das der noch junge Diskurs rekurriert, ist wesentlich durch die Akteur:innen erarbeitet, die sich darauf als Institutionalisierungserfolg beziehen – ein Zirkelschluss, der im wissenschaftlichen Sinn problematisch wirkt, im künstlerischen Sinn dagegen, als performativer Akt einer Setzung durchaus konsequent ist. Zu wünschen bleibt, dass bei aller kritischen Unruhe, die diesen Diskurs bestimmt, nicht die Legitimationsrhetoriken, sondern die tatsächlichen Umsetzungen der Forschungen in den Künsten den nötigen Nachweis zur Etablierung erbringen.
Und eben gerade das scheint der Fall: Das Jahr 2023 begann mit einem kräftigen Aufschlag am Tag der Forschung, der sich wesentlich den vielfältigen Publikationsformen der Forschung an der ZHdK widmete und in Anlehnung an ein Büchercafé einen Ort zum Stöbern und Verweilen bot. Dass sich die Zeugnisse der Forschung dabei nicht auf bedrucktes Papier beschränken, Bücher aber eine bleibend wichtige Rolle zur Dokumentation und Kommunikation der Forschungsthemen spielen, wurde hier ersichtlich. Die Künste zeichnen sich durch ihren Gegenwartsbezug, wenn nicht Aktualitätssinn, aus und die vielfältigen Publikationen belegten eindrücklich, dass die reflexive Arbeit in den Künsten, die sich schnelllebigen Produktionszyklen entzieht und Forschungszeit zur Ausdehnung und Vertiefung nutzt, relevante Beiträge zu gegenwärtigen Diskursen liefert.
So bleibt es auch konsequent, dass die ZHdK trotz fehlenden Promotionsrechts den Auf- und Ausbau des Dritten Zyklus als wesentliches Handlungsfeld begreift. Nicht nur ist der Transfer zwischen Forschung und Lehre hier evident und ein Garant zur Entwicklung von Forschungsvorhaben mit starkem Bezug zu anderen Aktivitäten in der Lehre, sondern diese Form der Nachwuchsförderung garantiert ausserdem eine internationale Reputation und Nachhaltigkeit im Feld der Forschung in den Künsten. Das tut es, weil Verbindungen bleiben, die – befragt man die Biografie von Forschenden – ein Leben lang anhalten können und wesentlich zur Vernetzung der (Kunst-)Hochschulen untereinander beitragen. Dafür aber braucht es zeitliche und finanzielle Investitionen, die langfristig gedacht sind und aus Überzeugung getragen werden.
Die Dossierkommission Forschung bietet den transversalen, interdepartementalen Ort, diese Verbindungen und Investitionsnotwendigkeiten unter Expert:innen zu diskutieren, die am Feld beteiligt und erfahren sind. Sie hat diese Debatten auch 2023 intensiv geführt. Dabei ist und bleibt ein Hauptaugenmerk, ob und wie die internen Strukturarbeiten der ZHdK sich dieser Logik verpflichten und zuträglich verhalten oder nicht. So waren die Diskussionen und Stellungnahmen zu den ersten Modellen einer zukünftigen Forschungsfinanzierung des hochschulweiten Strategieprojekts «Zukünftige Forschungsorganisation», aber auch zu den von der nPVF betroffenen Personalfragen in der Forschung und ihrer Nachwuchsförderung ein Hauptfokus der Kommissionsarbeit. Ausserdem beschäftigte die DKF wiederkehrend die Frage, wie sich Mitwirkung an den zentralen Strategieprozessen aus der Perspektive der Leistungs- und Leitungsverantwortlichen in der Forschung gestalten lässt. Die Diskussionen zu diesen drei grossen Themen waren auch für die Retraite der Dossierkommission Forschung im Dezember ausschlaggebend und werden 2024 in neuer Konstellation weitergeführt: Anna Lisa Martin-Niedecken (Departement Design) wurde zusammen mit Marcel Bleuler (Departement Fine Arts) einstimmig von der Kommission für deren Vorsitz für die nächste Periode gewählt, Judith Siegmund übernimmt den Einsitz für das Departement Kulturanalysen und Vermittlung von Sigrid Adorf. Die Kommission erhält erstmalig einen Co-Vorsitz. Wir freuen uns auf die Gestaltung von diesem interdepartementalen Ansatz und wünschen den beiden gutes Gelingen in dieser für die Zukunft der Forschung ZHdK wichtigen Phase.
Prof. Dr. Sigrid Adorf, Vorsitzende der Dossierkommission Forschung, März 2024