Ungenutztes Potential
CB: Im vergangenen Jahr haben wir mehrfach Initiativen ergriffen, um latente Forschungsthemen oder einen Forschungskorpus offenzulegen. Damit möchten wir zeigen, wieviel bereits inventarisiert ist und wo es sich lohnt, tiefer hineinzuschauen. Ebenso haben wir zu bereits aufgearbeiteten Sammlungsbeständen mögliche Forschungsthemen formuliert. Diese reichen von Entwürfen der 1930er bis 1970er Jahre für den Schweiz Tourismus (damalige: Schweizerische Verkehrszentrale SVZ) über den Nachlass des Designers und Künstlers Andreas Christen bis zur Sammlung des Gestalters Hans-Rudolf Lutz, der rund 15’000 Piktogramme auf Transportverpackungen aus der ganzen Welt sammelte.
RA: Unser Archiv umfasst rund 580’000 Objekte, die verstärkt für Forschungsprojekte genutzt werden könnten. Die Rolle von der Forschung ausserhalb des Museums ist sicher, das Ganze zu verdichten, aber auch neue inhaltliche Themen zu definieren. Natürlich gibt es Themen in der Forschung, die weniger mit Inhalten zu tun haben, sondern mehr mit Strukturen, Management oder Material. Anhand der Archivobjekte versteht man die visuelle und materielle Kultur lokal und international. Auch das kann für Forschende sehr spannend sein.
CB: Ich würde mir im Allgemeinen sehr wünschen, dass eine Forschungsdimension in unsere Arbeit hineinkommt, die einerseits als Outcome die Ausstellung oder die Publikation hat, andererseits in konkreten Forschungsprojekten mündet. Das Museum bietet sehr gute Voraussetzungen, denn Themen, Material, Möglichkeiten und Infrastruktur sind bereits vorhanden. Gleichzeitig dient das Museum als Multiplikator, z.B. haben wir dazu beigetragen, dass die Erkenntnisse des Forschungsprojekts «Briefedition Sophie Taeuber-Arp» in Ausstellungen im Tate Modern in London, in Basel und aktuell im Museum of Modern Art in New York eingeflossen sind.
RA: Dazu kommt, dass die Objekte in der Sammlung praktisch immer physisch verfügbar und in Datenbanken aufgearbeitet sind. Im eMuseum, dem digitalen Archiv, sind bereits über 110’000 Objekte online gestellt. Unsere Vermittlungsleistung besteht darin, dass wir Wissen in Form von Ausstellungen und Publikationen verbreiten sowie Vermittlungsaktivitäten wie u.a. Workshops, Führungen durchführen. Wir können verwandte Themen zusammenstellen, die relativ tief erschlossen sind und Archivführungen anbieten. Das sind alles gute Rahmenbedingungen für Forschende.
CB: Einen grossen Schritt konnten wir letztes Jahr machen: Das Museum für Gestaltung wird ab 2023 vom Bundesamt für Kultur während vorerst vier Jahren unterstützt. Wir sind uns mit der Geschäftsleitung einig, auch Mittel in die Forschung zu investieren. Das ist ein entscheidender Wendepunkt und ich würde behaupten: Now or never. Das ist unsere Chance, Forschung langfristig in die Arbeit vom Museum für Gestaltung zu integrieren.
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[1] Prof. Dr. em. Dieter Mersch, ehemaliger Leiter des Forschungsschwerpunkts Ästhetik.