Im Forschungsprojekt „Sprechen und Träumen“ soll untersucht werden, inwieweit gesprochene Träume als eine Form der mündlichen Textproduktion für die schauspielspezifische Sprechpädagogik genutzt werden können. Leitend ist hierbei die Annahme, dass erzählten Träumen ein hohes sprecherisches und theatrales Potential eigen ist, das bisher noch nicht erforscht wurde:
Was Schauspieler sprecherisch können müssen, und was die Sprechausbildung hierzu beitragen kann, wird seit einiger Zeit zunehmend hinterfragt, sowohl im deutschsprachigen Raum, als auch international. Ästhetische und technologische Umwälzungen spielen hier ebenso eine Rolle, wie Diskussionen bezüglich der kulturellen, politischen oder geschlechtlichen Dimensionen des Komplexes "Stimme". Interessanterweise ist aber hinsichtlich der sprecherischen Ausbildung künftiger Theaterspieler die Zweiteilung in elementare, meist psychophysisch oder somatisch fundierte Stimmarbeit (Prozesse wie Körpergebrauch, Atem, Stimmgebung, Resonanz und Artikulation) und darauf aufbauende Textarbeit (Erarbeitung eines Repertoires oft kanonischer Texte und entsprechender Ausdrucksvarianten), noch weitgehend unhinterfragt. „Autorschaft“ des Schauspielers ist zwar längst gängiges Ausbildungsziel, und im Theater sind die Übergänge zwischen verschiedenen Texten – Texte der Rolle, selbst verfasste Texte, Spontansprache im Dialog mit dem Publikum, usw. - längst fliessend. Trotzdem steht im Sprechunterricht die Textreproduktion, das sogenannte „interpretierende Textsprechen“ immer noch Mittelpunkt. Aus deutschsprachiger Sicht ist dies umso erstaunlicher, da der einflussreiche Sprechwissenschaftler Hellmut Geißner bereits vor 30 Jahren den Zusammenhang von "vox" und "votum" für die Sprechpädagogik angemahnt hat. Das massgeblichen Fragen für "Sprechen und Träumen" lauten also: Wie kann die Kreation eigener Sprache und Texte, also der mündlichen Textproduktion, durch den Sprechunterricht gefördert und untersucht werden? Wie kann dies auch die sprecherische Aneignung von Autorentext unterstützen? Und wie kann eine solche Praxis neue Theater- oder Spielformen beeinflussen? Das Sprechen beim Erzählen eines Traums ist in diesem Kontext besonders interessant, da es, als eine Form der spontanen Textproduktion über genuin theatrale Qualitäten verfügt, und zwar auf inhaltlicher, sozial-kommunikativer und performativer Ebene:
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inhaltliche Ebene: als Möglichkeit der Explizierung unbekannten oder impliziten Wissens im Probenprozess;
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sozial-kommunikative Ebene: als Möglichkeit der Schaffung theatraler Sprech-Räume;
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performative Ebene: bezüglich der sprecherischen Qualitäten Bildlichkeit, Raumbezug, Offenheit und Partnerbezug.
Mittels Modulen und Trainings im Kontext des BA Schauspiel sollen diese Ebenen pädagogisch und künstlerisch untersucht werden.
Das Projekt wird im PhD-Projekt: "Dunkles zu sagen - Traumsprechen als pädagogische Praxis" (ZHdK; Supervisor: Prof. Anton Rey/ Kunstuniversität Linz; Supervisor: Prof. Thomas Macho) ab HS 22 weitergeführt.