Workshop 17./18. November 2023 ZHdK
Die gegenwärtige Bedeutung und Nutzung des Internets und digitaler Infrastrukturen lässt kaum mehr zu, allein die Perspektive „autonom“ handelnder (menschlicher) Subjekte einzunehmen. Diese scheinen nur ein Teil oder womöglich nur eine abstrakte Größe im Gefüge von Programmen und Protokollen, Geräten und Architekturen zu sein. Das Soziale kann dabei als ein Netzwerk aus „nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen, Tieren, Texten, Geld, Architekturen“ (Law) verstanden werden. Damit rückt die agency nicht-menschlicher Akteure oder „Agenten“ dieser Netzwerke in den Vordergrund, die gerade nicht mehr nur als behandelte Objekte und Mittel zum Erreichen bestimmter Zwecke oder verfügbares Material wirksam werden.
In Bezug auf künstlerische Praktiken wirft dies neue Fragen auf, die mit der Figur der Geste einerseits und dem Begriff des Rituals andererseits adressiert werden sollen. Mit der Geste kann der Wechsel der Perspektive selbst als künstlerische Praxis verstanden werden. Diese lenkt die Aufmerksamkeit vom Werk auf Werkzeuge, materielle Bedingungen und Verfahren und wird zum Modell einer „praktischen“ oder performativen Reflexion (Agamben, Butler, Flusser). Ausgangspunkt dieser Reflexion ist nicht nur das Zusammenwirken von Menschen, Techniken, Materialien usw., sondern auch der Widerstand des Materiellen, der auf verschiedenste Weisen das Geschaffene maßgeblich prägt (Mersch, Rautzenberg, Borsò). Rituale zeichnen sich hingegen durch ihre Wiederholbarkeit aus und können auch als „Techniken“ (Idel, Schüttpelz) verstanden werden. Mit Gesten sind sie durch ihre performative Dimension (Bell) verbunden: Ihre Wirksamkeit verdanken Rituale nicht der Bedeutung oder dem Zweck der jeweiligen Handlung, sondern vielmehr ihrem Vollzug. Als konkrete, materielle Praktiken ermöglichen Rituale die Reflexion alltäglichen Handelns über religiöse Kontexte hinaus.
Im Workshop sollen die Begriffe der Agency, der Geste und des Rituals miteinander in Beziehung gesetzt werden. Sie bilden ein komplexes Spannungsfeld, in dessen Mittelpunkt die Frage nach einer verteilten Handlungsmacht in den Künsten steht. Wie lassen sich künstlerische Praktiken denken, die auf verschiedenste Weise eingebettet und situiert, oder auch „nicht-souverän“ sind? Welche Gemeinsamkeiten und Widersprüche können an den Schnittflächen der drei Leitbegriffe Agency, Ritual und Geste produktiv gemacht werden, etwa in Bezug auf eine Kritik des Anthropozentrismus, das Verständnis von Technik oder ein Neudenken der Begriffe des Subjekts und des Handelns? Die Diskussion geht dabei nicht nur von theoretischen Positionen aus, sondern auch von aktuellen künstlerischen Reflexionen.