Dass Landschaften und Räume uns Menschen beeinflussen, wissen wir nicht nur aus der Architektur, der Psychologie und dem Design. Wir erleben täglich, wie die Umgebung auf unser Verhalten und Wohlbefinden wirkt und unser Denken beeinflusst – etwa wenn wir einen festlich geschmückten Raum betreten oder im Wald Ruhe suchen. Doch wie wenden wir diese Erkenntnis zum Gestalten von Lernumgebungen und Lernatmosphären im Hochschulkontext an?
Hinweise liefert ein Blick in verschiedene Schweizer Hochschulen und ihre Räumlichkeiten. Da stösst man auf informelle Räume wie Cafés, Mensen, Begegnungs- und Rückzugsräume, die atmosphärische Aspekte berücksichtigen, vereinzelt auch auf Bereiche, die zeitgemässe Raumkonzepte der «neuen Arbeitswelt» einfliessen lassen, also menschliche Bedürfnisse ins Zentrum stellen oder eine flexible Raumgestaltung ermöglichen. Vorwiegend ist der klassische Hochschulcampus jedoch mit Seminar- und Workshopräumen ausgestattet, die formell-nüchtern gehalten, mit praktischem Office Mobiliar ausstaffiert, mit Videokonferenztechnologie bestückt und homogen ausgeleuchtet sind. Diese Räume sind in der Tendenz so gestaltet, dass sie den Frontalunterricht unterstützen, denn so wird seit vielen Jahren gelehrt, gelernt und gearbeitet.
Der Wert des Zusammenkommens: neue Anforderungen an Lernumgebungen
Hinsichtlich der Raumgestaltung und der Lernumgebung an Hochschulen hat eine Entwicklung das Lernen und Lehren in den letzten Jahren wesentlich geprägt: Digitale Technologien ermöglichen die Teilnahme an einem Workshop oder am Unterricht per Videokonferenz, also ohne physische Präsenz (remote). So entfallen Anreisezeiten und die Studierenden können von zuhause aus oder an beliebigen Orten dem Unterricht folgen. Dies führt dazu, dass das Studium einfacher in den persönlichen Alltag integriert werden kann.
Auf die Frage, ob der Präsenzunterricht wirkungsvoller sei als der Fernunterricht, oder ob beide Formen, wenn sie mit Bedacht eingesetzt werden, einen Mehrwert böten, wird hier nicht näher eingegangen. Uns beschäftigt an dieser Stelle vielmehr die Frage, ob und unter welchen Bedingungen es für Studierende trotz der Möglichkeit des Distanzunterrichts wertvoll ist, physisch an einem Ort zusammenzukommen.
Nun gewinnt die eingangs gestellte Frage nach der bewussten Gestaltung von Lernumgebungen und -atmosphären nochmals an Relevanz. Welche (sinnlichen) Qualitäten sollten solche Orte des Zusammenkommens bieten, um das Lernerlebnis bestmöglich zu unterstützen?
Inverted Campus: das Lernen findet (auch) draussen statt
Wie in Zukunft Räume und Campus aussehen könnten, die Antworten auf solche Fragen bieten, hat eine Arbeitsgruppe im Rahmen eines Workshops an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) untersucht. Der Workshop «ViVi-sions» wurde vom Digitalrat der ZHdK organisiert und hatte zum Ziel, dass die Teilnehmenden erstens Methoden des Zukunftsdenkens erproben und zweitens auf Thesen basierende wünschenswerte «Zukünfte» für unser, digital geprägtes Leben, Lernen, Lehren und Arbeiten skizzieren.
Auf dieser explorativen Denkreise ins Jahr 2035 erwies sich in der Arbeitsgruppe mit dem Fokus auf Raum und Campus eine Überlegung als überraschend prominent: Was, wenn der Campus nicht nur ein Gebäude, sondern gewissermassen nach aussen gestülpt wäre und somit die ganze Stadt und die umgebende Natur als Campus verstanden würden? Was, wenn die am Unterricht Teilnehmenden die Lernumgebung wählen könnten, die am besten zum gegebenen Inhalt passt und durch entsprechende Sinneseindrücke intensive Lernerlebnisse schafft?
Workshops würden nicht mehr (nur) in Seminarräumen stattfinden, sondern auch ausserhalb des ursprünglich gebauten Campus. Zum Beispiel könnte für reflexive Arbeit der Wald aufgesucht werden; für Musiklektionen wiederum würden sich Stadtparks besonders gut eignen. Diskussionsrunden fänden in Quartierbeizen statt, Brainstormings beim Spaziergang am Wasser. Diese Zukunftsskizze nannte die Arbeitsgruppe «Inverted Campus». Teil dieser Idee war auch eine Suchmaschine, über die passende Orte und Umgebungen gefunden werden könnten – abhängig davon, welche Lernerlebnisse und -atmosphären angestrebt wären. Dafür könnten verschiedene Kriterien ausgewählt werden: Braucht es einen Ort für Inspiration oder für fokussierte Arbeit? Soll es eine reizarme oder eine reizvolle Umgebung sein?
Handelt es sich um eine grosse oder um eine kleine Gruppe? Hat das Treffen informellen oder formellen Charakter?
Öffnung der Hochschule
Wenn sich eine Hochschule auf diese Weise öffnet und den Stadtraum und die umgebende Natur als Campus versteht, so wäre es nur konsequent, dass sie im Gegenzug ihre Türen für die Bevölkerung öffnet. So würde die Hochschule zu einem durchmischten Ort der Begegnung, des Austauschs, des (gemeinsamen) Lernens und Erlebens. Der Hochschulcampus wäre auf diese Zwecke ausgerichtet und böte entsprechend konzipierte Räume: Neben solchen für Begegnungen und Austausch wären weiterhin auch Workshop- und Seminarräume vorhanden. Gemäss dem Anspruch, dass Lernumgebungen und -atmosphären situativ gestaltbar sein sollen, wären diese Räume standardmässig leergeräumt. Passendes Mobiliar, Material und technisches Equipment könnten in zentralen Depots am Campus geholt oder bestellt werden.
Kompetenzen für die Nutzung eines Inverted Campus
Ein Inverted Campus erfordert ein entsprechendes Hochschulkonzept, das die Nutzung durch verschiedene Gruppen berücksichtigt. Seitens der Lernenden und jener Personen, die Veranstaltungen organisieren, sind spezifische Kompetenzen und Herangehensweisen vonnöten, um den Campus zu bespielen.
Das sind unter anderem:
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Gestaltung von Lernumgebungen: Um eine geeignete Lernumgebung zu wählen, muss man wissen, wie Inhalte und Raum aufeinander wirken und wie der Raum gestaltet und bespielt werden kann.
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Mut und Neugierde: Es erfordert die Courage, sich von gängigen Konzepten zu lösen und Neues auszuprobieren.
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Reflexionsfähigkeit: Neue Raumsettings schaffen neue Formen des Lehrens und Lernens; tradierte Rollenverständnisse kommen dadurch ins Wanken.
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Improvisation: Beim Lehren und Lernen in öffentlichen Räumen wird es zu unvorhergesehenen, ungeplanten Begegnungen und Situationen kommen. Dies erfordert Improvisation und Gelassenheit. Was muss vorbereitet werden, was kann sich im Unterricht entwickeln?
Zukunftsmusik? Mitnichten!
Die Idee des Inverted Campus ist keine Raketenwissenschaft und wir müssen auch nicht bis 2035 warten, um sie zu verwirklichen. Wir können bereits heute Lernumgebungen und -atmosphären anders gestalten und die entsprechenden Kompetenzen fördern. Weshalb nicht bei der nächsten Lehrveranstaltung oder dem kommenden Workshop den Raum bewusster wählen und einrichten? Einen Raum leerzuräumen und Tische und Stühle anders zu platzieren, ist ein Leichtes. Die Gruppe könnte eingeladen werden, als Teil des Unterrichts den Raum nach eigenen Ideen zu arrangieren, wie es ihr gefällt. Oder die Lehrveranstaltung findet überhaupt ausserhalb des Campus statt, an einem Ort, der sich besonders gut eignet.
Die Ergebnisse werden in jedem Fall überraschen. An der ZHdK haben wir genau das gemacht und den Workshop «ReConnect» mitten im Wald am Lagerfeuer abgehalten. Als die Dunkelheit hereinbrach, schufen das Feuer und der Wald eine schützende Atmosphäre, die vertrauensvolle und ehrliche Gespräche zuliess – also genau das, was wir mit dem Workshop erreichen wollten.