Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der zurzeit inflationär und in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht wird. Hier wird das Verständnis von nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen zugrunde gelegt. Demnach soll die regionale, nationale und globale Entwicklung der Gesellschaft das Ziel verfolgen, die gegenwärtigen und künftigen Grundbedürfnisse aller Menschen zu befriedigen.
Kopf?
Es scheint sich viel zu tun in Sachen Nachhaltigkeit. Politische Bestrebungen für mehr Nachhaltigkeit sind vernehmbar (Aachener Stiftung Kathy Beys, 2015). Technische Möglichkeiten für eine nachhaltigere Lebensweise werden entwickelt (He, Rogers, Su, Tundo & Zhang, 2016). Und schliesslich erfährt Nachhaltigkeit in der Bevölkerung grosse Zustimmung (TNS Infratest, 2011). Doch wird auf der individuellen Ebene nur wenig nachhaltiges Verhalten gezeigt (Gifford, 2011). Vor diesem Hintergrund wird aktuell dem individuellen Verhalten ein besonders grosses Potential für eine nachhaltige Entwicklung zugeschrieben (Swim et al., 2001). Um entsprechende Fördermassnahmen zu entwickeln, ist es wichtig, zu verstehen, unter welchen Umständen sich Personen nachhaltig verhalten (Oskamp, 2007).
Und Herz?
Dieser Aufgabe widmet sich die psychologische Forschung. Die Ergebnisse zeigen, dass ein wichtiger Faktor zur langfristigen Aufrechterhaltung nachhaltigen Verhaltens die intrinsische Motivation ist (Van Dam & Van Trijp, 2016). Als ein Ansatz zur Förderung der intrinsischen Motivation für (ökologisch) nachhaltiges Verhalten wurde die motivationale Gesprächsführung vorgeschlagen (Tonner, Zahno, Greifeneder & Gaab, 2017).
Und Hand?
Aufbauend auf diese Überlegungen zur Förderung nachhaltigen Verhaltens ist nun von Interesse, wie es im Kontext Kunsthochschule um die Nachhaltigkeit steht. Der Fokus liegt auf der Frage, was die Möglichkeiten der kulturellen Bildung zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung sind. Konkret geht es darum, welche Rolle Art Education für die intrinsische Motivation von (ökologisch und sozial) nachhaltigem Verhalten einnimmt und welchen Mehrwert dabei die Berücksichtigung des körperlichen Erlebens haben kann.
Kulturelle Bildung bezeichnet allgemein den Auseinandersetzungsprozess mit sich, der Umwelt und der Gesellschaft (Ermert, 2009). Ästhetische Zugänge erlauben es dabei, die Welt zu be-greifen, sie mit allen Sinnen zu erfahren, die Wahrnehmung zu schärfen und die Vorstellungskraft zu entfalten, um so die Welt zu verstehen, Neues zu erkunden und Visionen zu entwickeln (Leicht & Plum, 2007; Reinwand-Weiss, 2013). An verschiedenen Kunsthochschulen werden diese Herangehensweisen im Bereich Art Education mit Blick auf schulischen gestalterischen Unterricht und ausserschulische Projekte mit unterschiedlichsten Zielgruppen gelehrt.
Da die Möglichkeiten der kulturellen Bildung zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung nicht losgelöst von der politischen Situation betrachtet werden können, ist zu klären, welchen Rahmen die Bildungspolitik bietet. Unter dem Namen Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) wird derzeit auf allen Bildungsstufen vermittelt, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene eine zukunftsfähige Gesellschaft mitgestalten können. Hierbei geht es nicht nur um die Verkleinerung des Fuss-Abdrucks, also die Verminderung negativer ökologischer Auswirkungen, sondern vor allem um die Vergrösserung des Hand-Abdrucks (De Haan, 2012). Dieser veranschaulicht positive Auswirkungen und bezieht die soziale Dimension nachhaltiger Entwicklung ein (Kühnen, Hahn, Silva & Schaltegger, 2017).
Die beiden Ansätze, BNE und kulturelle Bildung, weisen viele Gemeinsamkeiten auf (Fischer 2012). Beiden liegt ein ganzheitliches Bildungsverständnis zu Grunde. Demnach sollen nicht nur Kognitionen, sondern zudem Emotionen und Körper angesprochen werden. Didaktische Prinzipien der BNE, wie Zukunftsorientierung und Partizipation, sind auch für die kulturelle Bildung relevant. Und Ziele der kulturellen Bildung, wie Persönlichkeitsentwicklung und Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe, sind wiederum auch für die BNE von Bedeutung.
Herangehensweisen der Art Education und konkret die Tätigkeiten von Kunstpädagog*innen und Kulturvermittler*innen können offensichtlich eine wichtige Rolle bei der Förderung intrinsisch motivierten nachhaltigen Verhaltens spielen. Doch bleiben viele Fragen offen: Inwiefern wird dieses Potential schon genutzt? Geschieht dies bewusst oder eher nebenbei? Dient dies vor allem der nachhaltigen Entwicklung? Oder nutzt dies auch der Kulturvermittlung? Wo können die Erkenntnisse der psychologischen Forschung in diesem Kontext verortet werden? Was passiert durch die Integration des Körpererlebens? Wie lassen sich die verschiedenen Perspektiven miteinander verbinden? Können auf diese Weise neue Zielgruppen erreicht und so mehr Menschen zu nachhaltigem Verhalten motiviert werden?
Solchen und ähnlichen Fragen gehen wir in verschiedenen Projekten in Forschung und Lehre rund um die Förderung nachhaltigen Verhaltens nach. Allen gemeinsam ist, dass sie die Herangehensweisen der Art Education berücksichtigen und so Denken, Fühlen und Empfinden vereinen. Diese Verknüpfung von psychologischer Forschung und Art Education bringt neue Zugangsweisen und Verständnisse zur Förderung nachhaltigen Verhaltens – mit Kopf, Herz und Hand.
→ Siehe Beitrag «Nachhaltigkeit begreifen – mit Kopf, Hand und Herz»
→ Siehe auch die Ringveranstaltung beim Kuratorium Ökologie Nachhaltigkeit – diskutieren, erfahren, vermitteln