Kontingenz ist für die Produktion und Rezeption von Kunst wie auch für Bildungsprozesse konstitutiv und insofern für die Fächer «Theater» respektive «Bildnerisches Gestalten» von fachdidaktischer Relevanz. BG-Lehrpersonen für Bildnerisches Gestalten und Theaterpädagog_innen untersuchen im Unterricht und in Theaterprojekten an Schulen den Umgang mit Situationen, in denen sich Unerwartetes ereignet.
„Kalkül und Kontingenz“ ist ein vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördertes teambasiertes Forschungsprojekt zu Potenzialen von Kunst- und Theaterunterricht, dem eine mehrjährige Vorarbeit im Rahmen des „Forschungslabor für Künste an Schulen“ (FLAKS) am „Institute for Art Education“ (IAE) der „Zürcher Hochschule der Künste“ (ZHdK) zugrunde liegt. Dabei zeigte sich, dass Kunst- und Theaterpädagog_innen über implizites Wissen hinsichtlich eines ‚künstlerisch-edukativen‘ (Eva Sturm) Umgangs mit Kontingenz verfügen – etwa in Zusammenhang mit offenen Suchbewegungen oder dem Ungewissen und Zufälligen in künstlerischen Prozessen. Dieses implizite Wissen soll im Rahmen des teambasierten Forschungsprozesses explizit, d.h. bewusst gemacht werden, da Kontingenz – so eine Grundannahme des Projekts – sowohl für die Produktion und Rezeption von Kunst als auch für Bildungsprozesse konstitutiv ist und damit einen Kernbestandteil der Fächer ‚Theater’ respektive ‚Bildnerisches Gestalten’ bildet.
Gemeinsam mit den Berufspraktiker_innen soll im Unterricht und in Theaterprojekten an Schulen der produktive Umgang mit Situationen untersucht werden, in denen sich Unerwartetes ereignet: Wie kann durch einen solchen Impuls für eine begrenzte Zeit die Gültigkeit von (Zu)Ordnungen aufgelöst werden? Wie lässt sich Unerwartetes provozieren, wenn doch das Unerwartete etwas ist, das einem widerfährt? Wie gelingt es, dass in der Begegnung mit Kunst Selbst-, Fremd- und Weltkonzepte aufgemischt werden und welche Rolle können dabei die Berufspraktiker_innen einnehmen? Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Figuren des Dritten, die ein solches Spiel mit dem Gegebenen eröffnen oder am Laufen halten können: den Tricksters, Dilettant_innen und Übersetzer_innen. Diese in unterschiedlichen Theoriefeldern aufgearbeiteten Figuren rücken im Rahmen des Forschungsprojekts als Matrizes für künstlerisch-pädagogisches Handeln in den Blick. Sie werden gemeinsam mit den am Projekt beteiligten Berufspraktiker_innen dahingehend untersucht, wie es gelingen kann, das Gegebene und scheinbar Festgefügte zeitweise aufs Spiel zu setzen, Widersprüche und Ungewissheiten aufzusuchen und auszuhalten.
Das Forschungsteam, bestehend aus wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen des Institute for Art Education / FLAKS sowie vierzehn Berufspraktiker_innen und Studierenden beider Bereiche, geht folgenden, übergreifenden Fragen nach: a) Wie lässt sich zeitgenössische Kunst(produktion) seitens Kunst- und Theaterpädagog_innen für den schulischen Kontext produktiv machen? Welche Rolle spielen dabei Kontingenzerfahrungen und potenziell kontingente Prozesse? b) Welche didaktischen Haltungen können in Bezug auf das Zulassen und Aufsuchen offener Situationen lokalisier- und begreifbar gemacht werden? c) Wie gelingt es, den Umgang mit Kontingenz im Kunst- und Theaterunterricht methodisch zugänglich zu machen?
Zusätzlich zu dieser fachdidaktischen Ebene, werden die wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen des FLAKS-Teams auf forschungsmethodischer Ebene den Forschungsprozess als solchen evaluieren, um Aufschluss darüber zu erlangen, inwieweit der Ansatz der teambasierten Praxisforschung die Untersuchung der aufgeworfenen Fragen unterstützt und wie sich die Teamforschung durch kunstbasierte Verfahren im Bildungskontext (Arts-based research in education) erweitern lässt. Das Forschungsprojekt „Kalkül und Kontingenz“ ist die konzeptionelle Basis und das Experimentierfeld zur Entwicklung methodischer Handreichungen für den Kunst- und Theaterunterricht sowie eines Workshopformats, um das erarbeitete Wissen in die Berufspraxis zu spielen.
Teamforschungsprojekt des Institute for Art Education (IAE) in Zusammenarbeit mit dem Bachelor Theater / Departement für Darstellende Künste und Film (BA Theater) an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Rahmen des Forschungslabor für Künste an Schulen (FLAKS)
Forschende Berufspraktiker_innen: Seraina Dür, Christin Glauser, Helen Hagenbuch, Simon Harder (Institute for Cultural Studies und Kantonsschule Olten), Simon Kramer, Milena Meier, Sabine Mommartz, Roland Nyffeler (Kantonsschule Olten), Eva Maria Welter, Daniela Wettstein (Mathematisch-Naturwissenschaftliches Gymnasium Rämibühl / Zürich)