Eine orange Leinenhose made at ZHdK: Ihre Farbe hat sie aus Rüeblirüstabfällen der Mensa, ihr Stoff ist hergestellt aus Flachs vom Dachgarten, der in der Textilwerkstatt zu Leinen gesponnen und verwoben wird. Hat sie ausgedient, wird sie in einer Zirkulationszone getauscht, abgeändert oder gelangt zur Wiederverarbeitung in einen Zerreisser. Zugegeben, das ist ein Zukunftsszenario. Es darf aber keine Fantasie bleiben, denn: «Unsere Recyclingquote auf dem Campus hat noch Potenzial», sagt Nadja Fässler-Keller, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Services der ZHdK. Die ZHdK will Nachhaltigkeit im Hochschulalltag verankern und ein Umfeld schaffen, das die Entwicklung von Lösungen für eine nachhaltige ökologische, soziale und ökonomische Transformation fördert. Die Services haben dazu die Teilstrategie «Sustainable Campus» erarbeitet. Nebst Klimaneutralität und Dekarbonisierung erhalten auch die Cluster «Natürliche Ressourcen und Biodiversität», «Chancengerechtigkeit und Inklusion», «Gesundheit und Wohlbefinden» sowie «Lernen und Arbeiten» besondere Relevanz für den Hochschulbetrieb. «Rohstoffe sollen überall im Areal wertgeschätzt werden und wieder in den Kreislauf gelangen», so Fässler-Keller – und sie fügt an: «Es ist eben nicht getan, wenn man alte Kleider in den Container wirft.»
Von der Textilwerkstatt…
Dass gerade bei Textilien Handlungsbedarf besteht, sieht auch Sigrid Wick so. Sie ist Gruppenleiterin Werkstätten Lehre 2D und Werkstattverantwortliche Textil. «Textilien tragen viel zum Nachhaltigkeitsdebakel bei», so Wick. Gründe dafür seien zu wenig Transparenz in der Produktion, die Fast-Fashion-Kultur mit oft schlechter Verarbeitung, Kurzlebigkeit und steigendem Konsum und schliesslich auch das geringe Wissen über Textilien. «Erste Bewegungen sind spürbar, aber selbst für mich als Fachverantwortliche für Textilien ist es fast unmöglich, nachhaltiges Material zu finden», fasst sie zusammen.
Die bunte Vielfalt der Textilwelt: Wieviele Produktionsschritte braucht es wohl von den Rohstoffen bis zu fertig gewebten, gefärbten und ausgerüsteten Stoffen?
Flohmärkte und Tauschbörsen sind hip, Nähtutorials und DIY-Videos werden häufig aufgerufen. Aber genügt das? «Ich sehe grosses Potenzial darin, bei der Bildung anzusetzen», sagt Wick, die an der Universität Lugano und der Textilfachschule Zürich einen CAS in Nachhaltigkeit erworben hat. In der Materialkunde ist der Aufholbedarf besonders gross, ihre Erfahrungen in den Werkstätten Lehre bestätigen das: «Ich stelle fest, dass viele Studierende kaum Wissen über Grundmaterialien haben. Textile Rohstoffe zum Beispiel rufen unterschiedliche Trageigenschaften hervor: Pflanzliche Textilien sind atmungsaktiver, während synthetische Fasern eher isolieren.» Nur auf die Pflanze zu setzen, greift aber auch zu kurz. «Die Natur wächst zu langsam, um unseren jetzigen Konsumbedarf zu decken», erklärt Wick. Sie setzt sich dafür ein, neue, kreative Lösungen zu finden.
…zu den Materialstudien
An der ZHdK gibt es keine materialbezogenen Studiengänge im klassischen Sinn. Studierende aus Industrial Design, Trends & Identity, Art Education oder Fine Arts finden in den Werkstätten zusammen. «Wir haben Expert:innen für Holz, Textil oder Metall. Spannend wird es in der Kombination aus den verschiedenen Handwerksdisziplinen», meint Wick. Sie wünscht sich mehr Raum für Experimente, um neue Lösungen zu finden. Rohstoffe könnten so in einen Kreislauf gebracht oder in einem anderen Kontext neue Verwendung finden. Bei der Bekleidung müsste dafür die Grundlage geschaffen werden, dass Textilien in einer reinen Faser hergestellt werden. Auch auf Knöpfe und Reissverschlüsse soll verzichtet werden.
Weniger am Stoff also. Aber wo finden wir nachhaltige ökologische, soziale und ökonomische Textilien? Wie könnten solche Materialstudien im Toni-Areal aussehen? «Experimente mit Flüssigkulturen, Lebensmitteln oder Blut», denkt Wick laut. «Es bräuchte Kühlschränke, Lagerräume und vor allem Platz, um all das Neue entstehen zu lassen», spinnt sie den Faden weiter.
Wird es statt Flachs also bald Algen oder Pilze geben im Toni-Areal? Wachsen sie statt auf der Dachterrasse in Kühlschränken? Nadja Fässler-Keller und Sigrid Wick hoffen, dass das Thema Nachhaltigkeit mehr Raum und Ressourcen erhält. Gut ausgebildete Studierende sollen ihr Wissen zu nachhaltigem Handeln in die Welt tragen. Damit wir noch etwas länger auf ihr träumen können.