- Wie habt ihr für SCHLAFENDE PFERDE zusammengefunden? Und wie ist die Idee dazu entstanden?
Nele: SCHLAFENDE PFERDE ist während der ersten Übung an der ZHdK entstanden. Dabei werden Master-Studierende aus allen Gewerken zusammengewürfelt, um in kurzer Zeit einen Film zu realisieren. Die Herausforderung besteht darin, mit noch unbekannten Personen und unterschiedlichen kreativen Visionen etwas zu verwirklichen, mit dem am Ende alle Beteiligten zufrieden sind. In SCHLAFENDE PFERDE versucht eine Angestellte einer Werbeagentur, ihrem Alltag mit Meditation und Achtsamkeit Sinn zu geben, scheitert daran aber.
Julius: Wir sind damals auf einen Tweet gestossen, mit der Überschrift »Nobody wants to work anymore«. Der Verfasser hat dazu Zeitungsartikel seit 1890 gesammelt. Jede Generation sagt das offenbar seit mehr als 100 Jahren über die vorherige. Unsere Headautorin Antonella Nicoli hat zu der Zeit in einer Werbeagentur gearbeitet und in unserem engeren Umfeld haben sich plötzlich mehrere Burnouts gehäuft. Corona ging gerade zu Ende und wir haben uns müde gefragt, ob der Satz jetzt nicht langsam einfach wirklich stimmt.
- SCHLAFENDE PFERDE ist nicht euer einziges Projekt. Mit SOLO SHOW seid ihr bereits an eurem ersten gemeinsamen Langfilm in Postproduktion. Worauf können sich die Zuschauenden freuen?
Nele: SOLO SHOW kreist um die erste Ausstellung des Kunststudenten Roy und wie sie zu scheitern droht, weil er nebenbei Kokain in die Schweiz schmuggelt. Während Roy in verschiedene Rollen schlüpft, um beide Welten zu navigieren, halten seine Mitmenschen auch an ihren sorgfältig inszenierten Fassaden fest: Ein Immobilienmakler mit einer Angststörung versucht, eine Wohnung zu verkaufen und ein maskiertes Liebespaar inszeniert ihr Sexleben.
Julius: Roys Vernissage ist eine Art Pseudoplot mit dem der Film Menschen beobachtet, die sich immer wieder selbst inszenieren. Die Geschichten in SOLO SHOW sind aus meinem Kunststudium inspiriert. Ich habe diese performativen Situationen gesammelt und untersucht, weil ich dachte, dass sie etwas über unsere Distanz zueinander erklären könnten. Der Film beschreibt ein Gefühl, das ich in Bezug auf unsere heutige Zeit habe und verkleinert hoffentlich damit diese Distanz ein bisschen. SOLO SHOW ist fast fertiggestellt und im besten Sinne unangenehm!
- Wie sehr unterscheiden sich Kurz-und Langfilm für euch? Gab es Überraschungen?
Nele: Normalerweise liegt der Unterschied ja in den verfügbaren Ressourcen – also Budget, Zeit und Crewgrösse. In unserem Fall war das Besondere, dass wir unseren Langfilm mit dem Budget eines Kurzfilms realisiert haben und uns bewusst dazu entschieden haben, die Crew gegenüber dem Kurzfilm drastisch zu verkleinern. Wir mussten mit vielen Doppelbesetzungen arbeiten und oft kreative Lösungen finden. Aber wir waren dadurch auch sehr flexibel. Ein weiterer Unterschied ist die Dynamik innerhalb des Teams. Beim Langfilm hat man mehr Zeit, um sich aufeinander einzustellen, Routinen zu entwickeln und aus den vorherigen Erfahrungen zu lernen. Unser Dreh war in drei Blöcke aufgeteilt, was uns die Möglichkeit gab, immer wieder Anpassungen vorzunehmen. Beim Kurzfilm hingegen bleibt kaum Zeit, um Fehler zu korrigieren.
Julius: Ich habe mich mit den meisten meiner Kurzfilme immer schwergetan, weil man so schnell zum Ende kommen muss und ich dabei immer Gefahr laufe, eine vereinfachte Pointe zu erzählen, der ich dann misstraue. Das scheint aber ein persönliches Problem zu sein, weil es so viele tolle Kurzfilme gibt, die das nicht machen. Mit diesem längeren Stoff fiel es mir jedenfalls leichter, die Dinge thematisch zu ordnen und eine Stimmung zu erzeugen. Die Art und Weise, wie wir unseren ersten Langfilm gedreht haben, unterscheidet sich aber auch von den Kurzfilmen, schon allein von der Crew-Grösse. Wir haben ausschließlich mit vorhandenem Licht gearbeitet und hatten dadurch viel mehr Raum und Zeit, um Bilder zu suchen, anstatt sie zu konstruieren.
- Was vermisst ihr aus euren ZHdK-Zeiten am meisten?
Nele: Was ich besonders geschätzt habe, war die Möglichkeit, mich kreativ auszuleben und den gesamten Prozess von Anfang bis Ende zu begleiten. Während des Studiums konnte man in jedes Department eintauchen und alle Aspekte einer Produktion mitverfolgen – das ist später als Producerin oft nicht mehr in dieser Intensität möglich. Besonders schön fand ich es immer, zu sehen, wie so viele Menschen mit einer gemeinsamen Vision und viel Hingabe an einem Strang ziehen. Und natürlich die Reisen, die uns die ZHdK ermöglicht hat – besonders in die Berge. Als Berlinerin habe ich das sehr genossen.
Julius: Die unendlichen technischen Ressourcen vermisse ich!
- Welche Tipps, Nele, würdest du Nachwuchsproduzentin mitgeben. Welche Fallstricke gilt es zu beachten?
Nele: Ich denke, es ist wichtig, dafür zu sorgen, dass sich alle im Team aufgefangen fühlen. Es hilft, Probleme nicht sofort mit jedem Department zu teilen, sondern erst nach Lösungen zu suchen, bevor man Unsicherheit verbreitet. Gleichzeitig sollte man am Anfang keine Angst haben, Fragen zu stellen. Je besser man die Bedürfnisse aller Departments versteht, desto besser kann man das Projekt steuern. Und vor allem: sich nicht zu schnell verunsichern lassen. Meistens sagen einem die eigenen Instinkte ziemlich gut, was geht und was nicht.
- Und worauf können sich Nachwuchsregisseur:innen freuen, die mit einem Studium an der ZHdK liebäugeln, Julius
Julius: Es werden immer wieder tolle Leute eingeladen, die einem in sehr vertrauter Runde Werkzeuge zum Filmemachen weitergeben. Ich hatte eine sehr gute Zeit an der ZHdK! Ich habe den Film Master als eine super entgegenkommende Struktur wahrgenommen, mit viel Liebe zum Detail, in der man sehr viel Drehen und Experimentieren kann.