Wie finden die künstlerische Freiheit und ein erfolgreiches Start-up zusammen? Wie wird aus einer kreativen Idee ein gefragtes Produkt? Wenn es im Design und in den Künsten um ökonomisches Denken und Handeln geht, treffen vermeintlich ungleiche Paare aufeinander. Das Zurich Centre for Creative Economies (ZCCE) forscht an dieser Schnittstelle und macht Wissen und Erkenntnisse dazu zugänglich. Denn sowohl Institutionen als auch Kunst- und Kulturschaffende sind mit Fragen rund um Strategien, Unternehmenskonzepte und Führungsarchitekturen, aber auch mit grossen Themen wie der Digitalisierung konfrontiert. «Nebst Kulturbereichen mit sehr stabilen Verhältnissen gibt es immer mehr hybride Formate, die sich weder in der öffentlichen Kulturförderung engagieren noch als klassische gewinnorientierte Unternehmen sehen», sagt Frédéric Martel, der als Soziologe, Autor und Journalist seit 2020 die Professur im Bereich Creative Economies innehat. «Hier ist es herausfordernd, adäquate Geschäftsmodelle zu entwickeln, die einigermassen stabile Auskommen garantieren. In aller Deutlichkeit hat sich dies in der Corona-Krise gezeigt, in der sich die Kreativwirtschaft weder als Branchenkomplex noch als Einzelakteur positionieren konnte.»
Labor statt Paragraphen
Dass Kreativität längst zum Politikum geworden ist, spiegelt sich in den Beratungstätigkeiten des ZCCE. «Unsere Brückenfunktion zwischen Kultur, Wirtschaft, Bildung, Politik und Gesellschaft sehen wir als eine zentrale Aufgabe», erklärt Eva Pauline Bossow, Managing Director des ZCCE. Nebst Aufträgen für die Internationale Arbeitsorganisation und den Europarat bearbeitet das Kompetenzzentrum derzeit auch ein kulturpolitisches Projekt der Stadt Zürich. Im «Labor für neue Formen der Kulturförderung» sind ungewohnte Wege und Experimente explizit erwünscht, um Antworten auf die kulturpolitischen Herausforderungen der Gegenwart zu finden. «Wenn wir über die Zukunft der Wirtschaft, die Entwicklung von Werten oder die Beschreibung von Wertschöpfungsdimensionen nachdenken, spielen Grössen wie Design, Storytelling und Community Building eine zentrale Rolle», so Martel. Analysen von Praktiken und Prozessen ausgewählter Organisationen verhelfen zu sehr präzisen, aber nicht generalisierbaren Einblicken. Im Kontrast dazu zeichnen Auswertungen amtlicher Statistiken ein eher grobes, aber fortschreibungsfähiges Gesamtbild: Beispielhaft zeigt dies der Creative Economies Report, den das ZCCE regelmässig herausgibt. «Zooming-in und Zooming-out wechseln sich in unserem Forschungsprozess ab. Gleichzeitig vervielfachen sich durch die Digitalisierung die Datenquellen. Es ist vital für uns, in Bereichen wie Web Data, Open Street Map oder der Echtzeitanalyse von Social-Media-Daten auf der Höhe der Zeit zu sein», folgert Martel.
Vom Studium zum Spin-off zum Entrepreneur
Angehende Künstler und Designerinnen können sich mit Kenntnissen der Kreativwirtschaft und ihrer Mechanismen Freiräume schaffen und neue Perspektiven gewinnen. «Zurzeit erarbeiten wir einen Vorschlag für ein Lehrangebot, um das Wissen und die Erkenntnisse aus unserer Forschung ins Studium einzubringen», sagt Bossow. In der Vergangenheit engagierte sie sich selbst aktiv in der Start-up-Landschaft und gründete ihr eigenes Unternehmen an der Schnittstelle zur Musik. «Entrepreneurship ist ein zentrales Thema und spielt auf allen unseren Aktivitätsebenen eine Rolle. Der Ausblick in die Zukunft ist derzeit besonders spannend – welche Strategien, Methoden und Handlungsweisen werden sich in Zeiten der Unsicherheit herauskristallisieren?»
Rund ums Unternehmertum nimmt der Z-Kubator (Teil des ZCCE) an der ZHdK eine Schlüsselrolle ein. Unternehmerische Projekte von ZHdK-Angehörigen und Karrieren von Selbstständigerwerbenden stehen dabei im Zentrum. «Wir bieten individuelles Coaching und Mentoring für Studierende, Mitarbeitende und Absolventen an, stellen Infrastruktur zur Verfügung, schaffen Netzwerke und helfen bei der Finanzierung», so Philipp Kotsopoulos, Leiter des Z-Kubators. Auf diese Weise wurde etwa das ZHdK-Spin-off Sphery von Anna Lisa Martin-Niedecken unterstützt, das Gaming und Fitnesstraining auf innovative Art verbindet. «Mit dem Förderprogramm ‹What’s next_Project› haben wir für die Game Designerin unter anderem ein Pitch-Training organisiert. Die erworbenen Fähigkeiten hat sie seither schon diverse Male erfolgreich in Start-up- und Innovationswettbewerben einsetzen können.»
Wer macht die Smart City smart?
Ein Themenfeld, das im Zusammenhang mit den Creative Economies künftig noch stärker in den Fokus rücken wird, ist die Smart City. «Derzeit möchte jede Stadt der Welt ‹smart› werden. Aber was bedeutet das? Welches sind die Kriterien und die Typologien dieses Attributs?», fragt sich Frédéric Martel. Zusammen mit einem international ausgerichteten Forschungsteam wird er sich weiter mit Definitionen und Beispielen von Smart Cities auseinandersetzen. «Wir glauben: Die Smart City ist tot – es lebe die kreative Stadt! Das vorherrschende Modell stellt das Internet in den Mittelpunkt. Wir möchten bald eine Alternative dazu anbieten, die Innovation ins Zentrum rückt. Mit dieser neuen Vision könnten wir die Smart City in erster Linie als kreative Stadt und Kunstschaffende als ihre zentralen Akteure denken.» Eva Pauline Bossow ergänzt: «Wenn es um Visionen geht, möchten wir auch die ZHdK-Studierenden in die Diskussion einbeziehen – ihr Blick auf die Zukunft ist ein Teil der Zukunft, die wir mitgestalten wollen. Und darum auch die Einladung: Meldet euch! Unsere Türen stehen für Ideen sperrangelweit offen.» Dies bringt eine Haltung auf den Punkt, die sinnbildlich für das ZCCE steht: Es geht nicht um die Differenzen zwischen Kunst und Wirtschaft, sondern um die Möglichkeiten, die ihre Kombination birgt.