Donnerstag, 7. November und Freitag, 8. November 2019 | MECS, Am Sande 5, 21335 Lüneburg
Mit Beiträgen von Florian Dombois, Gabriele Gramelsberger, Markus Hanakam, Christian Kassung, Raimund Mair, Christoph Oeschger, Claus Pias, Sascha Roesler, Florian Schmaltz, Benjamin Schmid, Roswitha Schuller, Michael Schultes, Mario Schulze, Sarine Waltenspül, Janina Wellmann, Jörg Zaun, Daniela Zetti, Hannah Zindel sowie einer Lesung von Tom McCarthy. Moderation: Katharina Rein.
Der Workshop ist eine Kooperation des Forschungsschwerpunkt Transdiziplinarität (fsp-t) der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und der DFG-Forschnungsgruppe Medienkulturen der Computersimulation (MECS) der Leuphana Universität Lüneburg | Kontakt: Mario Schulze (ZHdK), Sarine Waltenspül (ZHdK), Hannah Zindel (MECS).
Abstract Workshop
Windkanäle gehören zu den technischen Möglichkeitsbedingungen der Untersuchung bewegter Luft. Dabei sind Windkanäle mehr als nur Medien der Datenverarbeitung und der Datenerzeugung: Im 20. und 21. Jahrhundert haben das in Windkanälen produzierte Wissen, die in Windlaboren geprägten Technologien und Praktiken und schließlich auch die Windkanäle selbst die Mauern wissenschaftlicher Einrichtungen verlassen. Nachdem Étienne-Jules Marey Ende des 19. Jahrhunderts in seinen Rauchkanälen Luftbewegungen sichtbar gemacht hatte und Ludwig Prandtl ab 1904 mit seiner Grenzschichtforschung die Untersuchung von Luftströmen um einen Gegenstand in der Hydro- und Aerodynamik institutionalisierte, wurden und werden in Windkanälen verschiedener Bauart Luftbewegungen um Autos, Flugzeuge, Vögel und Sporttreibende ebenso untersucht wie jene um Modelle von Raketen, Brücken, Türmen, Wolkenkratzern, Bäumen, Parks und Wäldern oder sogar spiegelnde Silberkugeln.
Der Workshop Windkanäle. Wissen, Politik und Äthetik bewegter Luft setzt bei diesen vielfältigen Verwendungen an und versammelt plurale Perspektiven auf Windkanäle. Um einer diesem Gemenge nicht gerecht werdenden generalisierenden Geschichte des Windkanals zu entgehen, möchte der Workshop Geschichten einzelner Windkanäle zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und heute zusammentragen. Zentrales Anliegen ist es, die Verfasstheit von Windkanälen als epistemische und ästhetische Kippfiguren in Wissenschaften und Künsten zu beleuchten, die sich in Bezeichnungen wie »Analogcomputer« (Meroney) oder »metaphor machine« (Dombois) zeigt.
Ausgangspunkt des gemeinsamen Workshops der DFG-Forschungsgruppe Medienkulturen der Computersimulation (MECS) und des Forschungsschwerpunkt Transdisziplinarität (fsp-t) der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ist die Beobachtung, dass Windkanäle insbesondere Techniken der Simulation und der Visualisierung geprägt haben. So sind Windkanäle als »Simulationsmaschinen« (Hahn) bezeichnet worden, da sie das Simulieren von Umgebungen erlauben und als Werkzeuge zur Erzeugung eines spezifischen Umgebungswissens zum Einsatz kommen. Auch »devices of the called analogy type« (Goldstine/von Neumann) wurden sie genannt. Die Betonung ihrer Eigenschaft als Analogiegeräte akzentuiert sie als Apparaturen zur Operationalisierung von Ähnlichkeiten. Für von Neumann waren Windkanäle schließlich ein wesentlicher Motivator für den Entwurf der grundlegenden Architektur moderner Computer, verbunden mit der Idee, »nicht mit Experimenten zu rechnen, sondern mit Rechnern zu experimentieren« (Gramelsberger). Der visuellen Dimension von Operationen im Windkanal geht eine den Workshop begleitende Ausstellung der künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsgruppe Luft/Lichtbilder der ZHdK auf den Grund. Im Kunstraum der Leuphana Universität Lüneburg werden historische Strömungsfilme sowie aktuelle Windvisualisierungen aus dem Windkanal der ZHdK präsentiert. Im Rahmen des Workshops und der Ausstellung soll nicht zuletzt einer Leerstelle begegnet werden: Einerseits finden sich in den Wissenschaften und den Künsten Auseinandersetzungen mit den poetischen und mythologischen Dimensionen von Wind ohne Bezug auf Windkanäle, andererseits Studien zu Windkanälen ohne Berücksichtigung breiterer Konnotationen von Wind.
Ausgehend von diesen spezifischen Aspekten der Simulation und der Visualisierung möchte der Workshop ein Forum für weitere Fragen bieten. Um eine Anregung zu geben, seien hier einige erste aufgezählt: Wie prägen die materiellen Charakteristika der Windkanäle das in ihnen produzierte Wissen? In welchem Zusammenhang steht das, was untersucht wird mit dem, wie es untersucht wird? Welche Versuchsobjektelassen sich verzeichnen? Wie wird der erzeugte Wind gemessen, aufgezeichnet und gespeichert – mit Hitzdrahtanemometern, Analog-Digital-Wandlern oder Magnetbändern? Was bedeutet es, analog zu simulieren? Durch welche Eigenschaften zeichnen sich verschiedene Medien der Visualisierung wie Kinematographie, Polaroidkameras oder Probe-based Confocal Laser Endomicroscopy aus? An der Bildung welcher Theorien waren Windkanäle beteiligt? Inwiefern bedeutet Windkanalforschung immer auch eine Reflexion über die Werkzeuge des eigenen Arbeitens? Welche historiografischen Schwierigkeiten wirft der Gegenstand Windkanal auf? Wie ist mit Verbindungen und Abgrenzungen zu historisch vorgängigen oder technisch vergleichbaren Apparaturen und Prozeduren umzugehen? Welche Rolle spielen ökonomische und politische Interessen bei der Erforschung von Grenzschichten? Was geschieht, wenn das im Windkanal erzeugte Wissen seine Entstehungsumgebung in Laboren verlässt und gesellschaftliche Teilbereiche prägt – wie etwa in Krieg, Raumfahrt, Architektur oder Stadtplanung – oder wenn Windkanäle und ihre spezifischen Medien und Techniken Teil künstlerischer Praxis werden? Und letztlich auch die Frage danach, wie das in Windkanälen produzierte Wissen wiederum auf die wissenschaftliche Forschung zurückwirkt?
Vom 8.-13. November 2019 findet die Ausstellung Florian Dombois & Christoph Oeschger: Filme des Windes mit Beteiligung von U5, Mario Schulze und Sarine Waltenspül statt.